Trance
Trance wurde Anfang der 1990er Jahre in Deutschland geboren. Das Wort »Trance« in seiner ursprünglichen Bedeutung beschreibt einen halbbewussten Zustand zwischen Wachsein und Schlaf, in dem Fantasie und Emotionen leichter zugänglich sind, einen Zustand der Hypnose. Entsprechend seinem Namen sind Trance-Tracks atmosphärisch mit monotonen, repetitiven und hypnotischen Elementen. Manchmal wird Trance als eine »Mischung aus Techno und House« oder eine »Kombination aus 70er-Disco und 60er-Psychedelia« beschrieben.
Typischerweise hat Trance ein Tempo zwischen 128 und 150 bpm. Die Beats ähneln Techno-Beats, d.h. 4-on-the-floor, Offbeat-Hi-Hat und Snare/Claps auf den Beats 2 und 4. Anders als Techno legt Trance mehr Wert auf melodische und harmonische Elemente, meist bevorzugt in Moll-Tonarten, und enthält oft einen zentralen Hook. Weitere Merkmale sind pulsierende Arpeggios oder arpeggierte Synthesizer-Akkorde, lange Breakdowns oder Build-ups (oft eingeleitet von Snare-Rolls) und der »Super Saw«-Sound des Roland JP-8000-Synthesizers. Auch klassische Einflüsse sind zu finden, z.B. Streicher oder andere akustische Instrumente wie Gitarre oder Klavier.
Trance entwickelte sich aus verschiedenen Genres wie Synthpop, Hi-NRG, Ambient, House und Techno. Die frühesten Wurzeln liegen einmal mehr in den 1970er Jahren mit der deutschen Band Kraftwerk und Tracks wie »Autobahn« und »Trans Europe Express« sowie Giorgio Moroders »I Feel Love« von Donna Summer. Künstler wie Tangerine Dream, Klaus Schulze und Can mit ihren atmosphärischen Kompositionen können ebenfalls als Genre-Vorläufer angesehen werden. Schulze verwendete den Begriff »Trance« in den Titeln für seine Alben »Trancefer« (1981) und »En=Trance« (1987), während das britische Duo The KLF – bekannt z.B. für »What Time is Love« (1988), »3 a.m. Eternal« (1989) oder »Last Train to Trancentral« (1990) – ihre Musik allgemein als »pure Trance« bezeichnete. Frühe Beispiele eines Trance-ähnlichen Sounds sind Illegal Citys »Hypnotize« (1989) oder »Papua New Guinea« (1991) von Future Sound of London, letzteres eigentlich ein Breakbeat-Track, der jedoch viele typische Trance-Elemente wie einen atmosphärischen Sound, hypnotische Arpeggios und verträumte Klaviere enthält.
Nährboden für das Trance-Genre war Frankfurt/M. in Deutschland, mit Künstlern wie Rolf Ellmer alias Jam El Mar und Markus Löffel alias Mark Spoon. Als Duo Jam & Spoon schufen sie mit ihrem 1992er Track »Stella« eine Art Genre-Blaupause. Im selben Jahr remixten sie erfolgreich »The Age of Love« (Watch-Out-for-Stella-Remix) vom italienischen Duo The Age of Love. Internationaler und kommerzieller Erfolg kam 1993 mit dem Track »Right in the Night (Fall in Love with Music)«, und viele weitere folgten, z.B. ihre »Tripomatic Fairytales«-Alben. Ellmer war auch Teil des Duos Dance 2 Trance (zusammen mit Dag Lerner alias DJ Dag), bekannt für die Genre-Klassiker »P.ower of A.merican N.atives« (1992) und »We Came in Peace« (1993). Das neue Genre war Teil des »Sound of Frankfurt« geworden. Eye Q Records, 1992 vom deutschen Techno-Pionier Sven Väth gegründet, sollte eines der wichtigsten Genre-Labels werden, Heimat wichtiger Produzenten wie Ralf Hildenbeutel oder Steffen Britzke alias Stevie B-Zet sowie Matthias Hoffmann alias A.C. Boutsen – bekannt für z.B. seine 1994er Tracks »Symmetry« (veröffentlicht unter dem Alias Brainchild) oder »The Orange Theme« (veröffentlicht unter dem Alias Cygnus X) – und Oliver Lieb, dessen 1994er Track »Hearts« (veröffentlicht unter dem Alias L.S.G.) als einer der Trance-Klassiker der 1990er gilt. Ein weiteres wichtiges Frankfurter Trance-Label war FAX +49-69/450464, gegründet 1992 von Peter Kuhlmann alias Pete Namlook, bekannt für z.B. den 1993er Track »Eternal Spirit« (veröffentlicht unter dem Alias 4 Voice).
Der andere deutsche Hotspot für Trance war Berlin. Mit seinem Label MFS (Mastermind For Success) gründete der britische Musiker, Produzent und Manager Mark Reeder 1990 eines der wichtigsten Trance-Labels. 1992 veröffentlichte MFS die erste Trance-Compilation, »Tranceformed From Beyond«, mit nun Genre-Klassikern wie »Perfect Day« von The Visions Of Shiva (bestehend aus Cosmic Baby und Paul van Dyk ) und »High on Hope« von Microglobe (ein Alias von Mijk van Dijk). Zusammen mit Kid Paul schuf Harald Blüchel alias Cosmic Baby auch einen der bekanntesten Trance-Tracks überhaupt, »Café del Mar«, veröffentlicht unter dem Alias Energy 52 im Jahr 1993. 1994 veröffentlichte sein Visions Of Shiva-Partner Paul van Dyk sein Debütalbum »45 RPM«, mit dem Track »For An Angel«. Als dieser 1998 neu veröffentlicht wurde, markierte er den internationalen Durchbruch für Paul van Dyk, der einer der erfolgreichsten DJs/Künstler überhaupt in Trance oder elektronischer Tanzmusik im Allgemeinen werden sollte.
Obwohl Deutschland als die Wiege von Trance gilt, nahm Großbritannien den neuen Sound bald an. Simon Berry alias Art of Trance – bekannt für seine 1992er Tracks »Two Full Moons And A Trout« (als Union Jack) und »Poltergeist« (als Vicious Circles) – gründete 1993 das Trance-Label Platypus. Im selben Jahr hatte Paul Oakenfold einen bemerkenswerten UK-Chart-Hit als Teil der Gruppe Grace mit dem Track »Not Over Yet« (und erneut, als er 1999 als Remix unter dem Alias Planet Perfecto neu veröffentlicht wurde). Weitere bemerkenswerte britische Trance-Künstler sind der walisische DJ/Produzent Sasha und Nicholas Bracegirdle alias Chicane, dessen Debüt-Single »Offshore« (1996) zu einer Ibiza-Trance-Hymne wurde. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurden die Niederlande wichtig für die weitere Entwicklung von Trance, was zu dem euphorischen, positiven, schnellen und melodischen »Dutch Sound« führte, der hauptsächlich mit den sogenannten »Drei Musketieren des Dutch Trance« verbunden ist: Ferry Corsten, Armin van Buuren und Tijs Verwest alias Tiësto. Corstens bemerkenswerter 1999er Hit »Out Of The Blue« (unter dem Alias System F.) war ein wegweisender Track, da er den sogenannten »SuperSaw«-Sound des damals neuen Roland JP-8000-Synthesizers enthielt, der zu einem Markenzeichen für hymnische Trance-Tracks werden sollte. Armin van Buuren, oft als »King of Trance« bezeichnet, hatte seinen ersten Erfolg 1997 mit dem Track »Blue Fear« und startete 2001 seine wöchentliche Radioshow »A State Of Trance«, in der er die neuesten Trance-Tracks in einem zweistündigen Set präsentiert. Tiësto hatte seinen Durchbruch 2000 mit seinem Remix »Silence (DJ Tiësto In Search of Sunrise Remix)« von Deleriums »Silence«, sein Debütalbum »In My Memory« (2001) war ein großer internationaler Erfolg, und sein 2003er »Tiësto In Concert« war der erste Stadion-Gig eines Solo-DJs mit einem Publikum von 25.000 Menschen. Als Duo Gouryella produzierten Tiësto und Ferry Corsten typischen niederländischen epischen Trance mit Tracks wie »Gouryella«, »Walhalla« und »Tenshi«. Weitere bemerkenswerte niederländische Genre-Künstler/Tracks sind Signum (Pascal Minnaard und Ronald Hagen) mit »What Ya Got 4 Me« (1997) sowie Rank 1 (bestehend aus Piet Bervoets und Benno de Goeij) mit »Airwave« (2000).
Wie House und Techno brachte Trance mehrere Ableger hervor: Neben dem bereits erwähnten Dutch Trance (alias Uplifting Trance oder Epic Trance) sind Hard Trance, Goa Trance, Tech Trance (z.B. »Hearts« von L.S.G. (1994)), Acid Trance (z.B. »Your own Reality« (1997) oder »Trance & Acid« (2002) von Kai Tracid), Ibiza Trance alias Balearic Trance (z.B. »Offshore« (1996) von Chicane oder »9 PM (Till I Come)« (1998) von ATB), Progressive Trance (z.B. »Xpander« (1999) von Sasha), Deep Trance (z.B. »Elucidate« (1995) von Earth Nation) oder Dream House (z.B. »Children« von Robert Miles oder »Seven Days And One Week« von B.B.E. (beide 1996).
Trance hatte seine Blütezeit in den 1990er und frühen 2000er Jahren. Aktuelle Beispiele für erfolgreiche Trance-Tracks sind »Gravity« (2019) und »Somebody Loves You« (2020) vom ägyptischen Duo Aly & Fila, der italienische DJ/Produzent Giuseppe Ottaviani mit »Magico« (mit Armin van Buuren) und »Be The Angel« (mit Lucid Blue) (beide 2021) oder »Feel It« und »Nothing To Hide« (mit Dana Miro) (beide 2021) vom deutschen Veteran-Trance-Duo Cosmic Gate.